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"(Hiero) Glyphenstille." Zur Bildhauerei Uli Gsells.
(...) So öffne
ich allmorgendlich den erneuten berg, die hieroglyphenstille zu lesen,
ungangbares verweigern, in strengen flugstunden aufwärts - (...)
Johannes Poethen,
Wohnstatt zwischen den Atemzügen
In der idealistischen bzw. klassisch geprägten Gedankenwelt der Vormoderne,
die der Kunst nur das Wahre, Gute und Schöne abverlangte, in Zeiten,
in denen sich Kunstausübung dem jeweilig gültigen Menschenbild
verpflichtet fühlen mußte, hatte das Material mit dem die Künstler
gestalteten nur eine untergeordnete Bedeutung. Bei der fundamentalen Orientierung
auf die menschliche Vormachtstellung im Kosmos (und damit verbunden, der
gottgewollte/gottgefällige Unterwerfung der Natur unter den Willenszwang
des Menschen) hatte sich das Natur-Material der künstlerischen Intention
zu unterwerfen.
Das (Kunst)-Material
wurde zwar geschätzt, weil es häufig wertvoll, also teuer oder
selten war, aber es besaß neben dem reinen Geldwert, keinen ästhetischen
Eigenwert (umgekehrt wurde >ästhetisch veredeltes< Material
(vor allem Kunst- und Ritualobjekte fremder Kulturen bei Bedarf rücksichtslos
eingeschmolzen). Edles Material wurde vom Künstler, der es bearbeitete
zwar bewundert, aber auch in seinem Sinn völlig umgewandelt. Das
Ausgangsmaterial wurde manchmal bis an die Grenze des Werkstoffs transformiert,
wurde durch die Unterwerfung unter die künstlerische Idee seines
ursprünglichen Charakters beraubt.
Kunstfertige Schönheit, nicht Materialgerechtigkeit stand dabei im
Vordergrund. Gute Bildhauerei hat selbstverständlich schon immer
einer gewissen Ökonomie Rechnung getragen und für Bildhauer
ist es selbstverständlich, das Material, daß ihnen zur Verfügung
steht, sinnvoll und effizient einzusetzen, aber Uli Gsell geht noch einen
entschiedenen Schritt weiter, denn er räumt dem Material selbst ein
ausgiebiges Mitspracherecht ein.
Uli Gsell unterwirft den Stein nicht ausschließlich seiner ästhetischen
Vorstellungswelt, setzt also nicht auf einen monologischen ästhetischen
Ausdruck, sondern sucht den meditativen Dialog.
Das Konzept einer totalen Überformung durch die Idee und den Willen
des Künstlers steht bei ihm zurück vor den elementaren Grundformen,
die er aus dem Material schöpft.
Mit solchen Elementarformen setzt er sich auseinander, wenn er vom Stein-Block
ausgeht, einer beinahe unbearbeiteten Urform: Stein-Hauerei, die bereits
vor der Bild-Hauerei alle anderen Formmöglichkeiten und Einzelformen
als Möglichkeiten birgt.
Der Stein wird von Uli Gsell mit Intensität, Sensibilität und
Formvorstellung aus der Natur gehauen, wird dem Urgrund entrissen, befreit
aus der Gebundenheit im Steinbruch, befreit aus dem Naturzwang und freigesetzt
in eine monolythische Unabhängigkeit. Irgendwie scheint der Stein
dadurch plötzlich zu atmen und ein Eigenleben zu entwickeln, scheint
eine Art von Individuum zu werden und dennoch ist er - in Wirklichkeit
- noch beinahe unbearbeitet im Sinne einer traditionellen künstlerischen
Formgebung.
Genau an diesem Punkt setzt Uli Gsell künstlerisch an, denn gerade
diese nahezu gestaltlose Masse ist von ungeheurer Materialität und
Konkretion und sie birgt ein eminentes ästhetisches Potential, das
- poetisch gesprochen - erst von der Hand des Künstlers geweckt und
zu Bewußtsein gebracht wird.
Doch nicht nur was
als positive Form steht, ist für Uli Gsell wesentlich, denn auch
der negative Raum wird in die Arbeit einbezogen und diese Eingriffe wecken
Assoziationen, lassen z.B. an archaische Bauwerke denken.
"Uli Gsells Arbeiten sind wie Architekturen. Sie bieten Eingänge,
Ausgänge, Durchblicke, Lichtkanäle und verdeckte Schächte.
Ihr Innenleben wird angerissen ohne das Innerste gänzlich bloßzulegen
oder die vorhandene Existenz des Außenlebens zu zerstören."
(Petra Mostbacher, Auf der Suche nach dem Ursprung, in: Uli Gsell, Esslingen
1998 )
Architektur erscheint so nicht als Konstruktion, nicht als aufgetürmte
Titanenarbeit, sie ist kein Turmbau zu Babel, ist keine Verherrlichung
des Menschenwerks, sondern ganz einfach Behausung, also geschützter
Lebensraum im eigentlichen Sinne.
Das Wesen des Steins wird auf diese Weise sichtbar gemacht, ein Ein-Blick
durch das Schlüsselloch in die Natur ist zwar möglich, aber
das Geheimnis der Dinge wird nicht exhibitionistisch bloßgelegt.
Die Leerformen eines Blocks wie Löcher, Aushöhlungen und Schnitte
z.B sind es ja, die die Bearbeitung als Intervention, als künstlerischen
Eingriff sichtbar werden lassen.
Der Block wird so
vom Umraum abgegrenzt und so werden künstlerische Entscheidungen
sichtbar, wird Volumen auch durch den >negativen Raum<, also ex
negativo begreifbar im Wechselspiel von positivem und negativem Raum.
Uli Gsell bekennt
sich zwar zum Eingriff in die Natur des Steins, doch diese Intervention
wird nicht geleugnet, wird nie geschönt. Gsell verzichtet auf das
Glätten und das Vertuschen der Bearbeitungsspuren, die Spur des Künstler-Täters
wird also nicht verwischt (wieder die Materialgerechtigkeit).
Die ästhetische Handlung der >Bild-Hauerei< bleibt bei Uli
Gsell immer transparent, wird so für den Betrachter erfahrbar und
legt den Dialog mit dem Material auch im bildhauerischen Resultat offen.
Dadurch erreicht Gsell eine intensive Spannung, die seine Steine auf der
Grenzlinie zwischen Rohzustand und Zustandsveränderung bestimmt.
Stein bleibt Stein, die Identität des Materials bleibt gewahrt, es
verweist nicht auf etwas, es repräsentiert nicht etwas grundsätzlich
anderes. Das bildhauerische Resultat bezeugt >An-Wesenheit< (des
Bildhauers und des Steins), die Arbeitsspuren zeugen von einer intensiven
Auseinandersetzung (zwischen dem Künstler und dem Material).
Der ursprünglich von der Naturgewalt geformte Stein wird dem Werkzeug
und der Energie des Bildhauers ausgesetzt. Der (zeitlosen) Arbeit der
Natur steht die (zeitbedingte) Anstrengung der Menschenhand gegenüber.
Naturprodukt und Kunstprodukt geraten in eine wechselseitige produktive
ästhetische Spannung. Der Stein hat bei Uli Gsells Arbeitsverfahren
viel zum Kunstwerk beizutragen.
Vom Stein kommt die Natur, das Gewachsene, das organisch Vorgegebene,
die Teilnahme am erdgeschichtlichen >Schöpfungsprozeß.<
Vom Menschen kommt der Eingriff in die Materie, der Einschnitt, die Formveränderung,
der individuelle >schöpferische Prozeß.<
An diesem Berührungspunkt vollzieht sich die Metamorphose vom Naturobjekt
zum Kunstobjekt und genau diese Schnittstelle ist es, der Übergang
von einem Zustand in einen anderen, dem Uli Gsell immer wieder fasziniert
nachspürt.
Die Arbeit in Stein
erscheint nur bei oberflächlicher Betrachtung brachial, denn Uli
Gsells Einfühlungsvermögen, seine Sensibilität, ja Empfindsamkeit
bei der Arbeit erlaubt tiefe Einblicke in die Eigenart der Naturform.
Durch die aufgebrochene Außenhaut wird das Innen sichtbar, die Substanz
des Materials wird begreifbar durch das Öffnen einer geschlossenen
Form. Durch das Öffnen der Form verhilft Uli Gsell der Natur zu einer
Art Sprache, der Stein erhält Ausdruck und Individualität.
Der so bearbeitete Stein gibt seine Identität nicht vollständig
preis - "(Hiero)Glyphenstille" - und trotzdem: Uli Gsell glückt
das Kunststück, denn der Stein wird schließlich doch zum Träger
der künstlerischen Form.
Immer noch ist er ein Teil der Natur aber es bleibt eine Lücke, ein
unausgefüllter Zwischenraum. Ein Riß. Ein unumkehrbarer Vorgang.
Eine Tat. Er trägt die Spuren eines handelnden Subjekts. |
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